Neues Deutschland, 14.05.2011 Leben! So normal wie möglich

Von Jenny Becker 14.05.2011 / Menschen & Leben

Für die Tochter schuf Stefanie Karschies einen Kinderpflegedienst

nd1452011Es war ein sonniger Tag, das weiß sie noch genau. Während draußen das Licht flutete, stand die junge Mutter auf dem Flur der Intensivstation. Der Arzt lehnte ihr gegenüber lässig an einem Heizkörper. Dann sprach er den Satz, der Stefanie Karschies bis heute verfolgt: »Wenn Sie es schaffen, dass ihre Tochter zwei Jahre alt wird, hat sie eine fünfzigprozentige Chance zu überleben.«

Sechs Jahre ist das her. Stefanie Karschies hat es nicht nur geschafft, ihre Tochter Emilia am Leben zu halten, sie hat auch einen eigenen Kinder-Intensivpflegedienst gegründet und damit eine Lücke im Berliner Pflegeangebot geschlossen. Dafür wurde sie vom Berliner Senat im vergangenen Jahr zur »Unternehmerin des Jahres 2010/2011« gewählt. Ursprünglich hatte das Unternehmen, das sie »Kleine Strolche« taufte, nur einen Zweck: Die Betreuung ihrer Tochter zu ermöglichen. Denn mit den normalen Pflegediensten war Stefanie Karschies unzufrieden. Heute betreuen die »Kleinen Strolche« schwer kranke Kinder aus der ganzen Stadt.

Als Emilia geboren wurde, drei Monate zu früh, wog sie weniger als ein Laib Brot und war so lang wie ein 30-Zentimeter-Lineal. Ein winziges Wesen von 705 Gramm, das dem Tod näher stand als dem Leben. Manchmal hat Stefanie Karschies immer noch Angst, ihre Tochter morgens tot im Bett zu finden. Dabei geht es Emilia jetzt verhältnismäßig gut, auch wenn nicht klar ist, ob das kleine Mädchen alt werden wird. Sie hat Zahnlücken wie die meisten Sechsjährigen, blonde Haare – und ein Tracheostoma. Das ist eine künstlich angelegte Öffnung in der Luftröhre. Emilia ist beatmungspflichtig, rund um die Uhr muss jemand bei ihr sein, für den Fall, dass die Kanüle in ihrem Hals verstopft oder sie Sauerstoff braucht. Beatmungsgeräte sind heute mitunter nur noch so groß wie ein Schulheft, laufen über Akkubetrieb und können so überall mitgenommen werden.

Die Folgen der Frühgeburt werden Emilia nie loslassen. Doch die MitarbeiterInnen der »Kleinen Strolche« sorgen dafür, dass sie trotzdem ein fast normales Leben führen kann. Die ausgebildeten Kinderkrankenschwestern begleiten sie in den Kindergarten, zum Spielen bei Freundinnen oder zum Tanzen, das Emilia so liebt. Es gehört zur Firmenphilosophie, den Kindern möglichst viel Eigenständigkeit zu ermöglichen und ihre Persönlichkeit zu fördern. Die Patientenbetreuung erfolgt je nach Bedarf bis zu 24 Stunden am Tag. Für Stefanie Karschies, die mittlerweile noch zwei andere kleine Töchter hat und als Geschäftsführerin der »Kleinen Strolche« oft lange arbeitet, ist das eine wichtige Entlastung.

Genau die hatte sie bei den anderen Pflegediensten vermisst. Als feststand, dass Emilia aus dem Krankenhaus entlassen wird, begann die Suche nach einer geeigneten Betreuung. »Gruselig«, ist das Wort, das Stefanie Karschies dazu einfällt. »Plötzlich wollten mir andere erklären, wie ich mein Leben zu führen habe.« Die heute 35-Jährige ist eine selbstbestimmte Frau. Bevor die Geburt von Emilia ihr Leben veränderte, arbeitete sie lange bei einer Bank und war dann freiberufliche Projektmanagerin bei Großprojekten der Lufthansa oder Telekom. Und dann wollten die Pflegedienste ihr den Tagesablauf vorschreiben. Auch schienen sie ihr mehr am Profit orientiert als an den Bedürfnissen der Familien und Mitarbeiter. Ein Unternehmen versuchte sogar, sie mit billigen Arbeitskräften aus Polen zu locken, die »garantiert die Klappe halten und auch mal länger arbeiten«.

In ihrem eigenen Pflegedienst mit 120 MitarbeiterInnen ist Stefanie Karschies eine familiäre Atmosphäre wichtig. Alle Angestellten und die 35 Patienten kennt sie namentlich. Am Briefkasten der Büroräume in Berlin-Charlottenburg klebt ein Aufkleber mit Emilias Namen. Sie ist die »heimliche Chefin« des Betriebs, wie ihre Mutter gerne sagt. Emilia ist oft hier zu Besuch, und auch die Kinder der MitarbeiterInnen sind willkommen. Es gibt eine Spielecke mit Bastelpapier und Büchern, in einem der Büros steht ein Babybett. Manchmal trippeln auch die jungen Dackel von Frau Karschies durch die Räume.

Als sie nach der erfolglosen Suche nach häuslicher Unterstützung bei der Krankenkasse anrief und fragte, was sie tun müsse, um selbst eine Versorgung für ihre Tochter zu organisieren, kam schallendes Gelächter aus dem Telefon. »Na, dann gründen Sie mal einen Pflegedienst!«, lautete die Antwort. Vier Wochen später war Stefanie Karschies Inhaberin der »Kleinen Strolche«. Sie hatte sechs examinierte Kinderkrankenschwestern organisiert, eine Gewerbeanmeldung und Büroräume. Für Emilia war gesorgt. »Mit meinem Pflegedienst zu Hause ging es mir gut. Und ich wollte es anderen ermöglichen, es auch so gut zu haben«, sagt sie heute über ihre Motivation, den Pflegedienst professionell zu erweitern.

Stefanie Karschies ist eine kleine Frau. Das zarte Gesicht mit den Rehaugen lässt sie fast zerbrechlich wirken. Zu ihrem Kleid trägt sie Leggings und Ballerina-Schuhe. »Wenn man mich sieht, denkt man erst mal: Och, so eine Kleene, Niedliche«, sagt sie von sich. Sie werde darum oft unterschätzt. »Aber ich bin eine Powerfrau, das kann man nicht anders sagen.«

nd1452011-2Ihr starker Wille hat ihr in den vergangenen Jahren geholfen, auch nach Niederlagen weiter zu machen. Direkt nach dem offiziellen Start der »Kleinen Strolche« vor knapp fünf Jahren wurden ihr von einem ansässigen onkologischen Pflegedienst, mit dem sie vertrauensvoll kooperiert hatte, die ersten Patienten samt Mitarbeitern abgeworben. Der Dienst wollte die Kinderpflege selbst ins Programm nehmen. Stefanie Karschies musste wieder bei Null anfangen. Ein paar Jahre später traf sie der gleiche Schock noch einmal. »Die Nummer war aber noch einen Zacken schärfer«, erinnert sie sich. Ihrer Stimme ist der Ärger noch anzuhören, auch wenn sie sagt, dass sie sich mit der Situation abgefunden hat. 18 ihrer damals 180 Mitarbeiter hatten sich hinter ihrem Rücken zusammengeschlossen, Patientenakten kopiert und die Gründung eines eigenen Kinderpflegedienstes vorbereitet. Vielleicht habe sie sich nicht immer genug Zeit für ihre Angestellten genommen, räumt Stefanie Karschies ein. Sie verlangt viel von sich und manchmal auch von ihren Mitmenschen. Heute ist sie weniger ehrgeizig, achtet mehr auf sich und ihre MitarbeiterInnen.

Der Bundesverband Häusliche Kinderkrankenpflege (BHK), in dem Stefanie Karschies heute Vorstandsmitglied ist, geht davon aus, dass die Zahl der Kinder, die gepflegt werden müssen, stetig zunimmt. Kinderpflegedienste sind gefragt. Deutschlandweit gibt es laut BHK etwa 150 solcher spezialisierten Dienste. Pro Jahr werden 10 000 kranke Kinder zu Hause gepflegt. Die häufigsten Diagnosen sind mehrfache Behinderungen, neurologische Erkrankungen oder solche der Atemwege. Oft werden die Leiden durch Frühgeburten ausgelöst, wie bei Emilia. Die »Kleinen Strolche« betreuen aber auch Familien, deren Kinder durch Unfälle pflegebedürftig wurden.

Manchmal geschieht das durch kleine Missgeschicke, wie bei Tamara (Patientennamen geändert). Als sie ein Jahr alt war, verschluckte sie sich an einem Würstchen, mit dem ihre Eltern sie fütterten. Beinah wäre sie erstickt, ihr Gehirn war lange ohne ausreichende Sauerstoffversorgung. Darum liegt die Sechsjährige seitdem im Wachkoma. Ihre Körperfunktionen sind überwiegend normal, doch inwieweit ihr Bewusstsein noch vorhanden ist, weiß niemand. Ebenso wie andere Patienten der »Kleinen Strolche« kann Tamara kaum kommunizieren.

Die Pflegerinnen lernen trotzdem, die Bedürfnisse ihrer Schützlinge einzuschätzen. »Die Kinder reagieren auf emotionale Schwingungen«, weiß Corinna Ebadi, Kinderkrankenschwester und Pflegedienstleiterin der »Kleinen Strolche«. Wenn Tamara im Rollstuhl in die Sonne geschoben wird, ist sie ruhig und ausgeglichen. »Doch bei Streit in der Familie kann es vorkommen, dass die Kinder schreien oder epileptische Anfälle bekommen.«

Einmal im Monat trifft sich das Team in kleinen Gruppen, um sich über die Arbeit mit ihren Schützlingen auszutauschen. Einige Stunden nimmt so eine Sitzung in Anspruch. Zeit, in der eine Menge Schicksale in den Raum gesprochen werden. Wie Mütter sind die Schwestern mit der Begabung ausgestattet, winzige Regungen der Kleinen wahrzunehmen, zu würdigen oder kritisch einzuordnen. Eine Schwester freut sich über die Fortschritte von Max. »Er krampft jetzt viel weniger und muss nur noch drei mal täglich abgesaugt werden, statt rund um die Uhr.« Das liegt auch an der neuen Kanüle, die er endlich bekommen hat. Gegen die alte war er allergisch und hatte ununterbrochen Schleim produziert. Doch oft müssen die Pflegerinnen auch unerfreuliche Entwicklungen verfolgen. Es gehört zum »Patientenwechsel« der »Kleinen Strolche«, dass Kinder sterben. Im Frühling und im Herbst sind es die meisten. Wissenschaftlich ist das nicht erklärbar, doch Stefanie Karschies und ihre Kolleginnen wissen das aus jahrelanger Erfahrung. »Da ändern sich die Kräfte in der Natur, es sind Wendepunkte, auch für die Kinder. Für einige ist es dann Zeit zu gehen«, erklärt Stefanie Karschies. Für die verstorbenen Patienten gibt es in den Büroräumen eine Gedenkwand. In einem schwarzen Rahmen hängt eine Namensliste, auf dem Regal darunter liegt ein Buch mit dem Schriftzug »Wir vermissen dich«. Gleich gegenüber ist die bunte Spielecke für kleine Besucher eingerichtet. Leben und Tod liegen manchmal nah beieinander.

Das weiß auch Stefanie Karschies. Im Sommer 2009, wenige Monate nachdem die Mitarbeiter sie verließen, hatte sie einen Schlaganfall. Bei dem Gedanken daran wird ihre Stimme leise. Ganz langsam sucht sie nun die Worte: »Ich weiß, dass mein Leben … wenn ich es nicht diszipliniert lebe … in relativ kurzer Zeit vorbei sein kann.« Eine Blutgerinnungsstörung macht sie hochrisikogefährdet. Andere würden damit in den Vorruhestand gehen. Doch Stefanie Karschies kann sich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, ihr Unternehmen in fremde Hände zu legen. Außerdem ist die Arbeit ihre Form der Therapie. »Mit dem Arbeiten habe ich versucht, den Schmerz über das Schicksal meiner Tochter wegzudrücken.« So konnte sie die Anerkennung bekommen, die ihrem Wunschkind Emilia verwehrt bleibt.

Die Wertschätzung ihres Pflegedienstes ist Stefanie Karschies sehr wichtig. Ihre Bewerbung um den Titel der Unternehmerin des Jahres hätte sie beinah zurückgezogen – aus Angst vor einer Zurückweisung. Als sie Ende März zudem vom Landessportbund zum »Aufsteiger des Jahres« im Bereich Soziales gekürt wurde, war sie gerührt. Denn sie hatte sich nicht selbst beworben, sondern war gesehen worden. »Es ehrt mich, dass unsere Arbeit wahrgenommen wird, und es macht mich stolz, etwas geschaffen zu haben.«

An ihrer Bürotür hängt ein Zeitungsausschnitt. Es ist ein Gedicht von Paulo Coelho. »Kraft zum Leben« lautet der Titel. Es scheint wie für sie geschrieben: »Ich danke allen, die nicht an mich geglaubt haben; Sie haben mir zugemutet, Berge zu versetzen.«

 

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Neues Deutschland 14.05.2011